Courtesy of AreaPSX/Written by Frank Leipner:
Die Welt der Musikspiele
Heiße Rhythmen, treibende Bässe, schnelle Gitarrenriffs und durchgeschwitzte T-Shirts – nein, dies ist keine Beschreibung eines Rockkonzertes, es sind die Markenzeichen von Musikspielen. Mittlerweile wird das von Konami populär gemachte Genre allumfassend als Bemani bezeichnet. Dieses Wort wurde von Konami aus ihrem ersten und sehr erfolgreichen DJ-Spiel Beatmania kreiert und dient nun als Oberbegriff für die hauseigenen Musikspiele. Auch wird das Kunstwort inzwischen bezeichnend für das ganze Genre verwendet.
Seit dem Erscheinen von Beatmania ist in Japan eine regelrechte Bemani-Hysterie ausgebrochen. Während die Japaner regelmäßig mit neuen Spielen und Re-Mixen versorgt werden, schaffen es die wenigsten Musikspiele in lokalisierter Form über die fernöstlichen Grenzen. Gründe hierfür liegen meist in der für westliche Geschmäcker weniger kompatiblen J-Pop-Musik, als auch in diversen Song-Lizenzen, für die die Spielehersteller nicht immer die Rechte für eine Veröffentlichung in Amerika und Europa erhalten.
Musikspiele lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen – die einen Spiele werden nur mit einem normalen Joypad gespielt, für die anderen werden eigens passende Spezialcontroller wie zum Beispiel Tanzmatten, Maracas und Gitarren entwickelt. Der Übersichtlichkeit wegen ist das Bemani-Special in drei Teile aufgeteilt: Teil 1 umfasst die Joypad-only-Spiele, Teil 2 gibt Einblick in die Welt der Musikspiele mit Zusatz-Peripherie und Teil 3 zeigt eine Übersicht über die kuriosen Eingabegeräte.
Dieses Special soll einen möglichst umfassenden Überblick über das beliebte Genre bieten, stellt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sollte jemand Informationen zu einem nicht erwähnten Spiel haben und der Meinung sein, dass es hier Erwähnung finden sollte, wären wir über eine kleine Email mit Links zu weiterführeden Fakten und Bildern sehr dankbar.
Legende zu den Bildunterschriften
Die Bildunterschriften geben Auskunft über die Systeme, auf denen die Spiele erschienen sind und in welchem Land eine Veröffentlichung stattfand. Dies soll aber nur eine ungefähre Orientierung darstellen, da es den Rahmen dieses Specials sprengen würde, jede einzelne Länderversion eines Spiels für jedes System zu nennen. Allein von Dance Dance Revolution gibt es derzeit auf sieben Systemen verteilt knapp 60 Spiele. Wer genauere Informationen darüber erhalten will, in welchem Land und für welches System ein bestimmtes Musikspiel erschienen ist, erhält detailliertere Infos bei den amerikanischen Kollegen von GameFAQs.
Hah, dachtet ihr wohl - die Bilder gab es nur auf der besten Seite ever
Teil 1 - Das Joypad als Musikinstrument
Als einer der ersten Vertreter der Joypad-Musikspiele erschien 1996 PaRappa The Rappa für die PSone. Der wollmützentragende Hund PaRappa möchte seiner heimlichen Flamme als Rapper imponieren. Auf seinem Weg zur Perfektion trifft er dabei auf Figuren wie eine Zwiebel, einen Frosch und ein Hühnchen, die ihm Unterricht in der Kunst der rhythmischen Verbalakrobatik geben. Aufgabe des Spielers ist es, die Raps der Instruktoren möglichst perfekt durch Drücken von Tastenkombinationen nachzuahmen.
Musikalisch wartet PaRappa The Rapper mit verschiedenen Hip Hop-Stilen auf, grafisch ging Sony einen ungewöhnlichen Weg: die Protagonisten sind zweidimensionale Comicfiguren in einer dreidimensionalen Welt. Der Playstation2-Nachfolger ist vor Kurzem erschienen und führt das spaßige Spielprinzip fort, ein dritter Teil ist mittlerweile auch angekündigt worden.
Enix Bust A Groove-Reihe lässt sich am ehesten als Mischung aus Rhythmus-Spiel und Beat'em Up beschreiben. Im Wettkampf gegen einen anderen Tänzer muss der Spieler durch Tastenkombinationen seine Spielfigur Tanzbewegungen ausführen lassen und dabei den Gegner in Grund und Boden tanzen. Die Stilrichtungen der Musik sind bunt gemischt: Rap, House, Disco, Soul und Pop untermalen die Tanzakrobatik.
In Japan heißt das Spiel Bust A Move, die Namensänderung für die US- und PAL-Version wurde wegen des gleichnamigen Puzzlespiels vorgenommen. Das Spiel Bust A Groove: Dance Summit findet Ihr wegen des optionalen Klatsch-Controllers im Teil 2. Zu den Bust A Groove-Klonen gehört der nur in Japan erschienene PSone-Titel Love Para: Lovely Tokyo Para-Para Musume und die europäische Lizenzgurke Spice World mit den Spice Girls. Auch Konami veröffentlichte mit Dance! Dance! Dance! ein ähnliches Konzept.
Auch SEGA ließ sich nicht lumpen und präsentierte 1999 mit Space Channel 5 auf der Dreamcast und etwas später auch auf der Playstation2 ein Rhythmusspiel der schrägeren Sorte. Die Reporterin Ulala arbeitet für den kleinen TV-Sender Space Channel 5. Während einer Reportage auf einer Raumstation starten Außerirdische eine Invasion. Nun muss Ulala ran und die Menschheit retten und nebenbei noch die Einschaltquoten ihres Senders in die Höhe treiben.
Ausgestattet mit einer Laserpistole stolziert Ulala durch die Raumstation und begegnet alle paar Schritte einigen Aliens. Diese führen einen kleinen Tanz auf, den Ulala sogleich exakt nachahmen muss. Macht Ulala ihre Sache gut, werden die Aliens mit Schüssen aus der Laserpistole am Ende der Tanzsequenz eliminiert und der Sender mit einem Anstieg der Einschaltquoten belohnt. Macht sie zuviele Fehler, sinken die Einschaltquoten, was am Ende eines Levels dazu führen kann, dass die für ein Weiterkommen benötige Quote nicht erreicht wird.
Das auffälligste Merkmal von Space Channel 5 ist das schräge Design - Schlaghosen, freakige Frisuren und der groovige Soundtrack sorgen für ein futuristisches 70er Jahre-Flair. Für Dreamcast und Playstation2 ist nun der Nachfolger mit dem Zusatz Part 2 erschienen, der als kleinen Bonus bei der Playstation2-Version den für REZ entwickelten Trance Vibrator unterstützt. Auf dem GameBoy Advance wird Ulala demnächst auch ihre Hüften schwingen.
Ein außergewöhnliches Stück Software erschien 1999 für die PSone: Vib Ribbon. Der Spieler übernimmt die Kontrolle über den Hasen Vibri, der über eine einfache weiße Linie läuft. Im Takt zur Musik erscheinen auf der Linie verschiedene Hindernisse, die man durch Drücken der passenden Taste auf dem Joypad überwinden muss. Die Grafik des Spiels ist auf ein Minimum reduziert - sie besteht nur aus weißen Vektoren vor einem schwarzen Hintergrund.
Das Faszinierende an Vib Ribbon ist die Tatsache, dass man nach dem vollständigen Laden des Spiels die CD aus dem Laufwerk nehmen und eine beliebige Audio-CD einlegen kann. Je nach Rhythmus und Geschwindigkeit des gewählten Musikstücks erscheinen die Hindernisse in unterschiedlicher Reihenfolge. So ist jedes Spiel einzigartig und die Grenzen der Möglichkeiten setzt nur die eigene CD-Sammlung. Ein sehr ungewöhnliches Spiel, das damals zu einem ungewöhnlichen Preis erschien - nur knapp 30 DM, respektiv 15 Euro wollte Sony dafür haben. Dem amerikanischen Markt blieb dieses Spiel vorenthalten, nur Europa wurde mit einer Lokalisierung beglückt.
Bei Frequency fliegt der Spieler durch eine achtseitige Röhre, deren Innenwände als Tonspuren verwendet werden. Auf diesen Tonspuren erscheinen Symbole, die es mit den passenden Tasten wegzudrücken gilt. Schafft man eine Tonspur fehlerfrei, verschwindet diese Spur und spielt für eine kurze Zeit ihren Part alleine weiter. Ein Druck auf das Steuerkreuz dreht die Röhre - auf diese Art und Weise wechselt man zur nächsten Tonspur. Je länger und besser man spielt, umso vollständiger wird das Lied.
Beeindruckend ist die breitgefächerte Auswahl an Musikrichtungen: Industrial Metal, Pop, Rock, Hip Hop, Trance und House bieten für jeden Musikgeschmack das passende Lied. Dabei wurden fast ausschließlich Songs von erfolgreichen Musikern wie No Doubt, DJ QBert und Fear Factory für Frequency verwendet. Der Nachfolger ist bereits in der Mache und soll im ersten Quartal 2003 erscheinen. Als besonderes Feature wird Amplitude, so der Name des zweiten Teils, einen Online-Modus enthalten, der es bis zu vier Spielern ermöglicht, gleichzeitig ein Lied zu spielen. Interessant ist die Tatsache, dass dieses Spiel von Sony in Amerika entwickelt wurde und bisher nicht in Japan erschienen ist.
UGA, die Entwickler von Space Channel 5, brachten 2001 für Dreamcast und Playstation2 das Musik-Shoot'em Up REZ auf den Markt. Als Hacker fliegt der Spieler auf festen Pfaden durch den Cyberspace, mit dem Auftrag, die KI Eden zu deaktivieren. Auf den Weg dorthin stellen sich dem Spieler allerlei Abwehrprogramme und beeindruckende Endgegner in den Weg, die durch ein Fadenkreuz markiert und abgeschossen werden müssen. Die Symbiose aus Trance-Musik und Wireframe-Grafik, die sich dynamisch an die Musik anpasst, lässt dem Spieler in einer passenden Umgebung - großes Bild und leistungsstarke Soundanlage - ein besonders intensives Spielerlebnis erfahren.
Das außergewöhnliche Spiel hat sogar von der Agency for Cultural Affairs Media Art Festival einen speziellen Award für die Darstellung moderner Kunst in einem Videospiel und vor Kurzem den Sound Design Award im Digital Content Grand Prix 2002 erhalten. In Japan ist für die Playstation2-Version eine Zusatzhardware namens Trance Vibrator erschienen, der allerdings kein Eingabegerät darstellt, sondern als externes Rumble Pack das Spielgefühl intensiviert. Einen ausführlichen Testbericht zu REZ und dem Trance Vibrator findet Ihr hier.
Den Griff in die Saiten wagte Koei mit Gitaroo Man. Der Schüler U-1 erfährt eines Tages von seinem sprechenden Hund Puma, dass er DER Gitaroo Man ist und dazu auserwählt wurde, seinen Heimatplaneten zu retten. Um dies zu verhindern, schickt ihm der Bösewicht seine Spießgesellen entgegen, die U-1 im musikalischen Duell besiegen muss. Auf einer Taktlinie spielt der Spieler kurze und lange Riffs durch Drehen des Analogsticks und Drücken einer Taste möglichst fehlerfrei nach und leert so die Energieleiste der skurrilen Gegner. Obwohl alle Musikstücke im Zeichen der Gitarre stehen, wird Abwechslung groß geschrieben - von J-Pop und Heavy Metal über Rock'n'Roll bis hin zu Reagge wird dem Spieler eine breite Palette unterschiedlicher Stilrichtungen geboten. Nähere Infos zu Gitaroo Man findet Ihr im Testbericht.
Eines der wenigen Musikspiele, dass sich der klassischen Musik widmet, ist Mad Maestro. Als Dirigent Takt muss der Spieler ein altes Opernhaus vor der Abrissbirne retten. Viel Fingerspitzengefühl verlangt die Steuerung, denn das Hauptelement sind die drucksensitiven Analogtasten des Dual Shock2-Controllers. Das Spiel registriert drei verschiedene Stärken des Tastendrucks und setzt sie in entsprechende Aktionen um. Über 30 Musikstücke wurden für den verrückten Dirigenten ins Spiel aufgenommen. Im Laufe des Spiels lauscht man den Melodien von Mozart, Beethoven, Brahms und Tschaikowsky. Auch von Mad Maestro wird demnächst ein Nachfolger erscheinen, die AreaPSX-Review einschließlich der kompletten Lieder-Liste zum ersten Teil gibt es hier.
Unison von Tecmo erinnert vom grafischen Design her entfernt an Space Channel 5: sehr bunt und sehr schräg. Als Hintergrundgeschichte muss wieder einmal der Kampf von Gut und Böse herhalten. Nachdem der fiese Imperator Ducker das Tanzen verboten hat, gründet Dr. Dance die dreiköpfige Tanzgruppe Unison. Als ein Mitglied der Tanzcombo schwingt der Spieler das Tanzbein durch zwölf Level, um dem finsteren Treiben ein Ende zu setzen. Unison wird nur mit den Analogsticks gespielt, es werden keine anderen Tasten während des Spielens benötigt. Durch Bewegen und Drehen der Sticks lässt man den Tänzer zu vorgegebenen Tanzschritten über den Bildschirm zucken.
Musikalisch und spielerisch unterscheiden sich die Japan- und die US-Version. Für Amerika wurden für westliche Geschmäcker passendere Lieder wie Apollo 440s Stop the Rock, Sister Sledges We Are Family, Barbie Girl von Aqua, and That’s the Way I Like It von K.C. and the Sunshine Band implementiert und der Schwierigkeitsgrad ein gutes Stück gesenkt.
Der MTV Music Generator von Codemasters ist weniger ein Spiel, sondern geht mehr in die Richtung eines professionellen Musikprogramms. Auf mehreren Spuren lassen sich aus einer umfangreichen Sound-Bibliothek die verschiedensten Soundeffekte und Musikinstrumente anordnen und so eigenständige Lieder erschaffen. Für zünftige Multiplayer-Sessions wurde ein Jam-Modus eingebaut, der es bis zu vier Spielern gleichzeitig erlaubt, relativ schnell und einfach einen Song zusammen zu basteln.
Neben dem für die PSone erschienenen MTV Music Generator gibt es für die Playstation2 einen verbesserten Nachfolger. In die selbe Sparte fällt Music, das ebenfalls von Codemasters für die PSone entwickelt wurde, aber nie außerhalb Europas erschienen ist. Ein ähnlicher Vertreter dieses Genres mit einem ungewöhnlichen Ansatz ist Fluid. Als Delphin schwimmt man durch verschiedene Unterwasserlandschaften und sammelt Soundsamples auf, die der Spieler dann in der Remix-Zone beliebig zusammenbasteln darf. Die Soundbibliothek besteht hauptsächlich aus Trance, Abmient und House. Auch Fluid blieb ein Europa-only Titel.
Space Venus starring Morning Musume für die Playstation2 gestaltet sich als eine interaktive DVD um die zehnköpfige J-Pop-Gruppe. Das "Spiel" besteht größtenteils aus einer Ansammlung von Videoclips, Musikvideos und Mini-Spielchen. Der Spieler darf Schnappschüsse seiner Pop-Idole machen und mit einer Zoomfunktion der Kompressionsrate der Videos zu Leibe rücken. Selbst für hartgesottene Fans von Morning Musume dürfte sich allerdings die Frage stellen, ob man das Geld nicht doch lieber in ein paar CDs des J-Pop-Rudels investiert.
Das Multiplayer-Spektakel Bishi Bashi Special für die PSone besitzt neben normalen Geschicklichkeitsspielchen auch ein paar Bemani-Minispiele, die in ihrem Gameplay PaRappa The Rappa ähneln. Nur der erste Teil hat es nach Europa geschafft, alle Nachfolger sind nur in Japan erhältlich und Amerika ging sogar komplett leer aus. In Japan gibt es auch zwei Arcade-Versionen namens Great Bishi Bashi Champ und Hyper Bishi Bashi Champ.